
Kritisch anzumerken an diesem und anderen Phasenmodellen ist, dass sie die Bandbreite der Trauerreaktionen reduzieren. Diese Vielfältigkeit auf der psychischen, der körperlichen und der Verhaltensebene wird heute Diversität bezeichnet. Auch wird das Trauerverhalten normiert: hast du die erste Phase nicht durchlaufen, hast du nicht „richtig“ getrauert. Es gibt aber keine richtige und falsche Trauer. Auch eine allgemeine „Schockphase“ gibt es nicht, da alle möglichen Reaktionen vorkommen können.
Heute weiß man aber, dass gerade erste Reaktionen besonders heftig sein können und dass es für den Verlauf des Trauerprozesses ganz wichtig ist, dass für diese Raum ist und sie ernst genommen werden. Denn die Realisierung des Verlustes ist die Voraussetzung zu seiner Bewältigung.
Auch weiß man heute, dass Trauerprozesse viel länger dauern als bisher beschrieben: fünf Jahre und mehr sind nicht ungewöhnlich.
Der Trauerprozess ist ein sehr komplexer und individueller Weg mit Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen, Umwege, Stürze und Sprünge sind möglich.
Bleibt man im Phasenmodell: glaubt man eine sog. „Phase“ durchlebt zu haben, kommt man wieder am selben Punkt, jedoch auf einem höheren Niveau an. Manchmal erlebt man alle vier Phasen gleichzeitig.
Heute erscheinen mir die sog. Aufgabenmodelle der Trauer angemessener: Sie werden den individuell verschiedenen Trauererfahrungen und Bewältigungsversuchen wesentlich gerechter. Sie ermöglichen eine Struktur und Orientierung des Trauerprozesses. Sie orientieren sich an den konkreten Veränderungen und Problemen, die der Betroffene nach einem Verlust zu bewältigen hat. Dies gilt nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für diejenigen, die trauernde Menschen begleiten.