Arbeitskreis trauernde Eltern und Geschwister

in Baden-Württemberg

Modelle und Theorien zum Ablauf der Trauer - 2

Kritisch anzumerken an diesem und anderen Phasenmodellen ist, dass sie die wirkliche und mögliche Bandbreite der Trauerreaktionen reduzieren. Diese Vielfältigkeit der menschlichen Reaktionen auf der psychischen, der körperlichen und der Verhaltensebene wird heute als „Diversität“ bezeichnet. Auch wird das Trauerverhalten normiert: hast du die erste Phase nicht durchlaufen, hast du nicht „richtig“ getrauert. Es gibt aber keine richtige und falsche Trauer. Auch eine allgemeine „Schockphase“ gibt es nicht, da alle möglichen Reaktionen vorkommen können.


Heute weiß man aber, dass gerade erste Reaktionen besonders heftig sein können. Für den Verlauf des Trauerprozesses ist es ganz entscheidend, dafür genügend Raum zu haben  und  ernst genommen zu werden. Denn die Realisierung und Anerkennung des Verlustes ist die Voraussetzung für seine Bewältigung.

Auch ist heute erwiesen, dass Trauerprozesse oft viel länger dauern als bisher beschrieben: fünf Jahre und mehr sind nicht ungewöhnlich.

Der Trauerprozess ist ein sehr komplexer und individueller Weg mit Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen; Umwege, Stürze und Sprünge sind möglich.

Bleibt man im Phasenmodell: glaubt man eine sog. „Phase“ durchlebt zu haben, kommt man wieder am selben Punkt, jedoch auf einem höheren Niveau an. Manchmal erlebt man alle vier Phasen gleichzeitig.


Heute erscheinen mir die sog. Aufgabenmodelle der Trauer angemessener: Sie werden den individuell verschiedenen Trauererfahrungen und Bewältigungsversuchen wesentlich gerechter. Sie ermöglichen eine Struktur und Orientierung des Trauerprozesses. Sie orientieren sich an den konkreten Veränderungen und Problemen, die der Betroffene nach einem Verlust zu bewältigen hat. Dies gilt nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für diejenigen, die trauernde Menschen begleiten.


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