Arbeitskreis trauernde Eltern und Geschwister

in Baden-Württemberg

Modelle und Theorien zum Ablauf der Trauer - 3

William Worden war der erste, der ein solches Aufgabenmodell der Trauer entwickelt hat. Er unterscheidet vier Aufgaben der Trauerarbeit:

  1. Die Realität des Verlustes (an)erkennen
  2. Den Schmerz der Trauer durcharbeiten
  3. Sich in einer Wirklichkeit zurechtfinden, in der der/die Verstorbene fehlt
  4. Dem/der Verstorbenen einen neuen Platz geben und sich dem Leben wieder zuwenden.
Daraus ergeben sich für ihn die Aufgaben der Trauerbegleitung:
  1. Die Realität des Verlustes verdeutlichen.
  2. Trauernden helfen, ausgedrückte und latente Affekte zu bearbeiten
  3. Trauernden helfen, Hindernisse der Wiederanpassung zu überwinden.
  4. Trauernde ermutigen, sich angemessen zu verabschieden und sich guten Gewissens wieder dem Leben zuwenden.
Autoren wie H. Lothrop und K. Lammer entwickelten eigene aktuelle Modelle, die ich zusammenfassend kurz darstelle. Für den Trauernden bedeutet das:
  1. Zunächst die Wirklichkeit des Verlustes anzuerkennen und anzunehmen. Den Tod zu begreifen im wahrsten Sinn des Wortes ist die erste Aufgabe Trauernder und Voraussetzung für alle weiteren Schritte, um den Verlust zu bewältigen. Das bedeutet ganz körperlich, den Toten zu sehen, sich physisch zu verabschieden. Den Tod aussprechen: „er ist tot“, und nicht: „er ist von uns gegangen“. Dabei können die Trauerbegleiter den Betroffenen unterstützen. Auch gemeinsam Rituale zu planen ist hilfreich. Um den Verlust zu verarbeiten, muss Abschied genommen werden.
  2. Den Schmerz des Verlustes und andere starke Gefühle zulassen. Reaktionen Raum geben, d.h. der Trauernde braucht die Möglichkeit und die Zeit, um seiner Trauer Ausdruck zu verleihen. Wichtig ist, dass weder der Trauernde noch der Begleitende Erwartungen darüber hat, wie man richtig trauert. Menschliche Nähe, eigene Gefühle zu zeigen sind Teil der Trauerbegleitung. Sich erinnern und erzählen: hier geht es um die Rekonstruktion der gemeinsamen Lebensgeschichte, die sehr wichtig für die Trauerarbeit ist. Es kann nicht darum gehen das Fühlen des Schmerzes zu verhindern, oder davon abzulenken, denn das verursacht größeren Schmerz zu einem späteren Zeitpunkt.
  3. Um die eigene Identität neu zu definieren, müssen innere Ressourcen entdeckt und benutzt werden. Auch gilt es, persönliche Risiken einzuschätzen. Diese Selbsthilfe kann der Trauerbegleiter unterstützen. Eigene Antworten und neue Orientierungen ermöglichen es dem Trauernden in einer als fremd erlebten Welt ohne den Toten zurechtzukommen und sich (wieder) zu integrieren.
  4. Sich einem Leben ohne den Verstorbenen zu stellen. Sich dem neuen, veränderten Leben wieder zuwenden und dem Toten in diesem einen neuen anderen Platz geben. Einen Sinn im weiteren Leben zu sehen und offen zu sein für neue Aufgaben und Bindungen.

Während der Trauernde aus Sicht der Phasenmodelle seiner Trauer ausgeliefert ist, übernimmt er aus Sicht der Aufgabenmodelle aktiv die Verantwortung für seine Situation und sein weiteres Leben, auch wenn er noch nicht unbedingt weiß, wie das Ziel und das Ergebnis aussehen werden.

Sehr ermutigend und hilfreich finde ich das Duale Prozessmodell der Trauerbewältigung (Stroebe und Schut). Dahinter steht die Festtstellung, dass kein Mensch ununterbrochen trauern kann. Die Erkenntnis des Sozialwissenschaftlers Robert Kastenbaum dazu ist, dass „die Qual nicht endet, wenn die erste Welle der Bestürzung und Trauer vorüber ist. Auf die Bewusstwerdung der Tatsache, dass ein geliebter Mensch tot ist, folgt die Erkenntnis, dass das Leben weitergeht“.

Wir können die Trauer nur aushalten, weil sie ähnlich einer Wellenbewegung funktioniert.

Wir pendeln zwischen dem „verlustbezogenen“ Prozess und dem „wiederherstellungsbezogenen“ Prozess hin und her. Auf der „verlustbezogenen“ Seite erleben wir alle negativen Auswirkungen der Trauer und sind intensiv mit dem Verlust beschäftigt. Auf der „wiederherstellungsbezogenen“ Seite sind wir voller Hoffnung, manchmal sogar glücklich, können lachen und fühlen uns stark, unser Leben ohne den Verstorbenen meistern zu können.

Dieser Ansatz betont die Tatsache, dass wir Verluste aushalten, verarbeiten und „überleben“ können aufgrund unserer Fähigkeiten und Ressourcen. Wir sind in der Lage, uns an veränderte Lebenssituationen anzupassen. 

Deutlich in allen Ansätzen wird, dass Trauer nichts Statisches ist, sondern es ist immer ein aktiver Prozess, in dem  Neuorientierung und Veränderung möglich und nötig sind.

Wie ein individueller Trauerprozess abläuft ist auch abhängig von der Todesursache, zum Beispiel an einer Krankheit oder einem ganz plötzlichen Tod. Dabei entstehen unterschiedliche Probleme. Es geht keinesfalls um eine Bewertung: der Verlust und der Schmerz über den Tod des eigenen Kindes ist immer furchtbar! 



Quellen:

Verena Kast: Trauern, Kreuz Verlag
Kerstin Lammer: Trauer verstehen, Neukirchener Verlagshaus
Hannah Lothrop: Gute Hoffnung - jähes Ende, Kösel Verlag
Ursula Goldmann-Posch: Wenn Mütter trauern, Knaur Verlag
Anja Wiese: Um Kinder trauern, GTB
Roland Kachler: Hypnosystemische Trauerbegleitung, Kreuz Verlag
Bödiker/Theobald: Trauergesichter, der hospiz verlag
George Bonanno: Die andere Seite der Trauer, Edition Sirius
Psychologie Heute, Juni 2012: Artikel S. 26, Der Mensch – aufs Überleben programmiert

Was das hier Beschriebene über die Situation trauernder Eltern und über Erklärungsmodelle konkret für den Umgang mit Betroffenen bedeutet lesen Sie im Kapitel: Umgang mit trauernden Eltern.